Jim Rakete im Interview

mit WELT am SONNTAG

"Kinderläden fand ich erstmal grenzwertig"


Von Martin Scholz und Heike Vowinkel


WELT am SONNTAG vom 06.05.2018 - Ressort: Panorama

Auf dem breiten Holztisch steht eine alte, grüne Olympia-Schreibmaschine. Daneben Papierstapel. In Jim Raketes Atelier in einem Kreuzberger Hinterhof herrscht kreatives Chaos. Man merkt, hier fühlt sich der 67-jährige Fotograf zu Hause. Ein bisschen weht noch der Geist jener legendären "Fabrik"-Zeiten durch den Raum, als er in den 80er-Jahren auch in Kreuzberg nicht nur Musiker fotografierte, sondern auch managte, darunter Nina Hagen, Spliff, die Ärzte. Begonnen hat Raketes Karriere bei dem Berliner Fotojournalisten Ludwig Binder. Mit dessen Bildern der 68er-Revolte in West-Berlin und seinen eigenen hat Rakete gerade eine Fotoausstellung in Berlin eröffnet.

WELT AM SONNTAG:
Als die Studentenunruhen losgingen, waren Sie 17 Jahre alt. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Jim Rakete:
Wie in einem Rausch. In dem Jahr habe ich bei Ludwig Binder ein Praktikum gemacht, hauptsächlich Bilder getrocknet und Filme eingeschnitten. Irgendwann habe ich mir ein Herz gefasst und gesagt: Herr Binder, heute Abend ist doch dieses schöne Jazz-Konzert, das Sie im Jazz-Keller fotografieren wollen. Zur gleichen Zeit spielt Status Quo im Sportpalast, soll ich das mal fotografieren?

Lange konnte er der Offensive nicht mehr widerstehen, und ich durfte endlich machen, was ich immer tun wollte: Bands fotografieren, deren Musik ich cool fand. Ich hätte mir zuvor nicht vorstellen können, dass ich mal mit Creedence Clearwater Revival in der Garderobe sitze.

Und Sie haben die Proteste fotografiert. Wie politisch waren Sie selbst damals?
Es war wie ein Weckruf, nicht zu ignorieren. Ich schob mein Schlagzeug zur Seite und dachte, das muss man jetzt fotografieren. Es arbeiteten ja mehrere Fotografen bei Binder als Freelancer. Alle hofften, dass unsere Bilder irgendwann auch mal zu sehen sein würden. Denn die mediale Betrachtung, was Berlin betraf, gab ein verzerrtes Bild wieder.

Der Axel-Springer-Verlag und auch Axel Springer selbst fühlten sich nicht nur persönlich angesprochen von den Protesten, sie waren es auch. Dass die Straße am Verlag heute Rudi-Dutschke-Straße heißt, beruht ja auf der Tatsache, dass das Attentat auf ihn in einer medial überhitzten Situation stattfand, für die Springer mitverantwortlich war.

Welches Ihrer Bilder aus jener Zeit hat Sie am meisten geprägt?
Eines, das nach der Binder-Zeit entstand, in einem Moment, der mich sehr erschüttert hat. Da ist ein junger Mann bei einer Räumungsaktion am Ku'damm in das große Schaufenster eines Opel-Ladens gedrückt worden. Von oben fiel ein Teil der Scheibe runter und hat ihm den Hals aufgeschlitzt. Ich weiß noch, wie der hieß: Ulrich Hasenclever.

Neben mir stand plötzlich ein Bereitschaftspolizist, so jung wie ich, und guckte genauso entsetzt wie ich. Ein junger, blonder Typ, der hat nicht gesehen, dass sich von hinten eine harte Truppe von Demonstranten mit Dachlatten näherte. Die wollten ihn dafür verantwortlich machen, dass da einer von ihnen in seinem Blut lag. Der starrte nur auf den Blaukreuz-Helfer, der vor dem blutenden Verletzten kniete...

Blaukreuz-Helfer?
So nannte man die Medizinstudenten, die auf den Demos Verletzte behandelten. Als der Polizist sich umdrehte und die Gefahr sah, riss er aus seinem Pistolenhalfter die Walther P38 und spannte sie. Ich stand hinter ihm, und meine beiden Kameras, die um meinen Hals baumelten, sind ganz leise aneinandergeklackt. Der Polizist hat wohl gedacht, es steht ein Demonstrant hinter ihm. Er drehte sich ruckartig um, und ich guckte in den Neun-Millimeter-Lauf. Ich dachte nur: Okay, ich glaube, jetzt mache ich mal kein Bild.

Zu Hause habe ich das alles mit zitternden Händen entwickelt und dort erst so langsam begriffen, was da passiert war an dem Abend.

Wissen Sie, ob Ulrich Hasenclever überlebt hat?
Ich glaube, wir wüssten es alle, wenn er nicht überlebt hätte. Danach bin ich nicht mehr auf Demos gegangen, um zu fotografieren.

Später haben Sie dann für die im Springer-Verlag erscheinende "BZ" fotografiert.
Ich habe dort nur das gemacht, wozu ich Lust hatte. Ging es um irgendwelche Großfeuer, habe ich das nie so gut fotografiert wie Porträts von Künstlern und Musikern. Der Unterschied war so deutlich, dass die mich von selbst auf die anderen Termine geschickt haben. Ich hatte wunderbare Aufträge für die "BZ", eine lange Strecke über Samuel Beckett zum Beispiel oder über die Stones. Ich hatte Freiheiten, und mir ging es um Freiheiten.

Für die Ausstellung haben Sie jetzt einige der 68er-Ikonen neu fotografiert - Rainer Langhans, Uschi Obermaier, Otto Schily. Wie war das, sie heute als alte Menschen zu zeigen - immer die Bilder im Kopf, wie sie mal waren: jung, rebellisch, hedonistisch?
68/69 war ich noch sehr jung und naiv. Und nun traf ich Leute wieder, von denen ich einige das vorletzte Mal gesehen hatte, als sie noch das Megafon in der Hand gehalten hatten und riefen: "Brüder solidarisiert euch!" Ich kam mir wieder vor, als sei ich 17, so unsicher.

Haben Sie sich in deren Gesichtern selbst gespiegelt gesehen, im Vergleich zu damals - zu Ihren Idealen, Ihrer Radikalität?
Ja, klar. Das Faszinierende ist ja, dass es unter den Persönlichkeiten von damals solche gab, die ihre Zeit verändert haben, und solche, die durch die Zeit verändert worden sind. Und es gibt Klassiker wie Langhans. Wenn man mit ihm heute redet, ist er immer noch eins zu eins so, wie er damals war. Oder Uschi Obermaier. Es war wunderbar, sie zu treffen.

Die 68er werden gerade viel diskutiert, auch in Talkshows. Bei "Hart aber fair" ging es kürzlich kreuz und quer durcheinander, man hatte am Ende keinen Erkenntnisgewinn...
Den kannst du auch gar nicht haben. Es gab nicht die eine Bewegung, man kann nicht behaupten: Die 68er wollten exakt dies und das. Sie waren ein Bündel aus unterschiedlichen Bewegungen. Geschichte ist veränderbar. Man kann das Modell auch weiterentwickeln. Demokratie funktioniert. Das ist die Message von 68.

Zum Beispiel?
Die Öko-Bewegung. Patchwork-Familien, Paragraf 218, der Ausstieg aus der Atomenergie. Viele Entwicklungen sind aus dieser Bewegung erwachsen. Nicht zu vergessen: die Grünen.

Alexander Dobrindt hat kürzlich in der WELT eine "konservative Revolution" gefordert, um die Folgen der 68er zu korrigieren. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie das hören?
Da redet der Blinde von der Farbe. Tschuldigung, was ist denn heute nicht alles besser als damals? Wie diskutieren wir heute die Bundeswehr? Die Familie? Blinden Gehorsam? Schule? Prügeln wir noch unsere Lehrlinge? Schreiben wir unseren Frauen noch vor, wie sie zu wählen haben?

Ärgert Sie das?
Selbstverständlich. Das bestimmt jetzt nicht Herr Dobrindt, wie diese Zeit zu deuten ist.

Offenkundig gibt es aber einige Menschen, die vieles, was heute schlecht läuft, auf diese Zeit zurückführen.
Das kann ich nicht nachvollziehen. Die Weltoffenheit der Bundesrepublik wäre ohne diese Jahre der Versuche, auch der Spinnereien, nicht vorstellbar. Wir wären heute nicht da, wo wir sind.

Haben Sie eine Erklärung für die Heftigkeit dieser Umdeutungsversuche?
Vielleicht sind die Porträts der früheren 68er der Schlüssel dafür. Diese Leute waren damals zur Stelle, sind einen langen Weg gegangen und immer noch da. An vielen von denen kommt man nicht so einfach vorbei. Vermutlich ist es genau das: die Unumstößlichkeit der Personen. Eine Menge von dem Aufbruch der 68er, aber auch viele der nervigen Sachen hatten sicher damit zu tun, dass sich junge Leute erproben wollten. Ich selbst fand auch vieles zunächst doof, das inzwischen aber reibungslos funktioniert.

Was denn?
Zum Beispiel diese ersten antiautoritären Kinderläden, die fand ich erst mal grenzwertig. Dann aber hat das Nichtautoritäre sehr gut funktioniert. Bis heute. Wie auch die Patchwork- Familie, die heute völlig normal ist. Oder die flachen Hierarchien in kreativen Arbeitsorganigrammen. Kommt alles aus dieser Zeit, in der man alles infrage stellte. Mit der AfD sind wir da allerdings heute wieder in der anderen Richtung unterwegs. Wenn das so weitergeht, dann wird das aber auch an der Praxis zerschellen, denn Politik machen ist zermürbend.

Sie glauben, die AfD wird sich von allein erledigen?
Nein, nicht von allein. Die wird sich erledigen, weil sie niemand mehr will.

Das sehen viele anders. Ist es nicht auch so, dass die AfD die Protest-Mechanismen der 68er übernommen hat: gegen das Establishment, gegen die Eliten?
Die Pose haben sie vielleicht übernommen. Aber die AfD konzentriert sich auf Gefühle, auf Ängste. Darauf baut sich nichts Gutes auf.

Sie erreichen viele Menschen damit.
Wir werden noch viel mehr Menschen erreichen, wenn wir sie mit Lebensmut ansprechen. Schauen Sie, diese Empörungsamplituden sind doch nicht der Lösung förderlich. Man muss den großen Weg im Blick haben, sich fragen: Haben wir bedacht, dass viele mitmachen müssen? Das heißt nicht, dass wir - beispielsweise in der Sprache - die Dinge miteinander verwechseln. Dieses ewige Gerede vom "Mitnehmen von Leuten". Hört doch mal auf, abzuholen - will ich gar nicht. Ich will überzeugt werden.

Wovon wollen Sie andere überzeugen?
Jetzt im Moment? Davon, dass es fünf nach zwölf ist in Sachen Umweltverschmutzung.

War das auch der Grund, weshalb Sie jetzt zum ersten Mal selbst vor die Kamera getreten sind - ausgerechnet für einen Werbefilm für Hybridautos von Toyota?
Ein klassischer Werbefilm ist es nun wirklich nicht, sonst hätte ich ihn bestimmt nicht gemacht. Mir war diese Diesel-Starre in unserem Land unerträglich. Dass die Politik das ganze Thema an die Gerichte delegiert und sagt, jetzt gucken wir mal, ob es Fahrverbote geben wird. Dann gibt es ein Ultimatum vom Verkehrsminister an die Dieselhersteller - aber ohne Perspektive. Was würde denn passieren, wenn die das nicht einhalten? Gar nichts.

Das empört Sie?
Ja. Es fühlte sich immer gut an, diese Diesel zu fahren: Der CO2-Ausstoß war niedriger als beim Benziner, sie verbrauchten weniger Kraftstoff und hielten ewig. Dann kamen die neuen Messwerte der Turbodiesel-Stickoxide. Absurderweise kommen in Deutschland sehr viel mehr Menschen durch sie ums Leben als durch Verkehrsunfälle. Mir geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Lösungen. Und mich ärgert auch diese Ingenieursarroganz, dass man zwar mehrere Technologien in der Schublade hätte, aber lieber die alten Konzepte weiterverfolgt. Deswegen hat die deutsche Autoindustrie heute große Probleme zu machbaren Preisen einen Hybrid anzubieten.

Hybridautos stehen aber auch in der Kritik: zu teuer, zu schlechte Umweltbilanz.
Merkwürdig. Warum nur fahren jetzt mehr als die Hälfte der Taxifahrer in Berlin plötzlich Hybrid oder Erdgas statt Diesel? Von dem, was zurzeit zu haben ist, sind nur Hybrid und Erdgas wirklich praktikabel. Worum es wirklich dabei geht, ist: dass man jetzt anfängt, es besser zu machen. Wir brauchen vermutlich zehn Jahre lang Brückentechnologie, damit könnten wir sofort etwas verändern.

Sind die Zeiten, da die Jugend sich für Umweltschutz engagierte, nicht vorbei?
Das glauben wir Älteren immer und denken, die Jugend sei nur im "Berghain" unterwegs. Aber das ist eine unzulässige Oberflächlichkeit. Die Argumentation von Jella im Film ist: Du siehst uns einfach nicht. Zum Beispiel, dass die jungen Leute kaum noch ihren Führerschein machen, weil sie darin keine Zukunft sehen. Oder die Shell-Studie, die zeigt, dass das Auto als Statussymbol weit nach unten gerutscht ist.

Stimmt, das Smartphone ist wichtiger. Wie finden Sie denn deren Form, über Fotos zu kommunizieren, die bei Instagram eingestellt werden, ihre Selfie-Manie?
Furchtbar. Man merkt, wie die Menschen das Bild von sich selbst verlieren. Man kann das beobachten, Leute, die vor dem eigenen Bild in den Schaufenstern erschrecken. Die sehen ja sonst nur noch aufgehübschte Bilder von sich.

Reden Sie viel mit jungen Leuten über so was?
Schon. Ich war ja selbst mal jung und kann mich noch gut an das Gefühl erinnern, mich unverstanden zu fühlen. Aber die werden schon selbst merken, was gut und was nicht gut ist für sie. Viel problematischer ist diese Filterblasenwahrnehmung, die durch Algorithmen entsteht. Die Streitkultur vorheriger Generationen war da viel fruchtbarer, weil man tatsächlich mal auf Null zurückgesetzt wurde - wie bei den 68ern.

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