Stil-Ikone Brooks-Sattel

Hart arbeiten am Mythos

Wenn ein Fahrrad durch einen TV-Spot fährt, ist meist ein Brooks-Sattel dran. Der Ledersattel aus Great Britain ist eine Stil-Ikone: Dem Hersteller hat er den Weg zur Trend-Modemarke geebnet. Die Fertigung folgt dagegen eher zeitlosen Methoden. Ein Besuch in den heiligen Brooks-Hallen.

Smethwick im Süden der mittelenglischen Metropole Birmingham ist ein Industrie-Vorort wie viele in Europa: Lagerhallen, kantige Gebäude, große leere Straßen, Tankstellen.

Mit dem Fahrrad gelangt man von Birmingham schnell dorthin. Der Weg führt über romantische ehemalige Treidelpfade entlang der Kanäle, vorbei an den Hinterhöfen der Industriekultur dorthin. Ab und zu weht ein Geruch von Schweißarbeiten über die Backsteinmauern.

Ein Teilstück der britischen National Cycle Route 5 durch die West Midlands führt an diesen alten Wasserwegen entlang. Es ist passend, den Weg nach Smethwick mit dem Fahrrad einzuschlagen. Denn der Ort ist tief verwurzelt mit der Fahrradgeschichte. So produzierte hier einst Raleigh, der größte Fahrradproduzent der Welt. Und bis heute entstehen hier Brooks-Ledersättel.

Handwerkskunst mit Tradition

Brooks ist eine der wenigen aktiven Marken im Fahrradbereich, deren Geschichte bis in die Pionierzeit des Fahrrads reicht. Firmengründer John Boultbee Brooks war das, was man heute einen Entrepeneur oder Innovator nennen würde.

Er schaffte es, mit 20 Pfund Startkapital in Birmingham eine angesehene Sattlerei aufzubauen. Zu den Hochzeiten des Hochrades – in England Penny Farthing genannt – stieg auch Brooks vom Vierbeiner auf das Zweirad um. Er fand aber wenig Gefallen an den harten Sitzgelegenheiten. Sättel bestanden damals noch meist aus Holz oder sogar Metall. Der Sattler schuf Abhilfe.

Am 28. Oktober 1882 reichte Brooks sein erstes Patent für einen Ledersattel ein. Die Erfindung war wie gemacht für eine andere Neuentwicklung, die gerade aufkam: „safety bikes“. Diese Niederräder, die Vorläufer des heutigen Rades, liefen den viel gefährlicheren Hochrädern den Rang ab. Bis zu den 1950er Jahren wuchs Brooks zum größten Sattelhersteller der Welt. In der Massenproduktion lösten dann aber Kunstleder- und Kunststoffsättel den Naturwerkstoff Leder ab.

Bis zu 90 Jahre alte Spezialmaschinen

Inzwischen erlebt der Ledersattel eine Renaissance: am stilvollen Stadtrad genauso wie am klassischen Stahl-Rennrad – am Reiserad ist er wegen seines hervorragenden Sitzklimas und der Robustheit eigentlich nie aus der Mode gekommen. Die Fertigung erfolgt heute unweit des ersten Produktionsstandortes und mit dem tradierten Wissen der Facharbeiter, deren Eltern manchmal ebenfalls bereits in der Fabrik beschäftigt waren. Die Spezialmaschinen für die Produktion der Federn sind laut Brooks sogar bereits über 90 Jahre alt.

Und so entsteht ein Brooks-Ledersattel:

Leder stanzen
Rikki stanzt die Satteldecke mit einer Presse aus dem Leder: Für jeden Sattel gibt es eine spezielle Stanzform. Die Lederfelle kommen bereits gegerbt in die Fabrik und sind bei allen Sätteln 5 Millimeter dick. Sie stammen von Herden aus Großbritannien. Für das Gerben arbeitet Brooks bereits seit 100 Jahren mit Experten aus Belgien und Schweden zusammen. Bei der Select-Sattelreihe stammt das Leder von Herden aus biologisch zertifizierter Haltung von älteren Tieren und wird mit Naturverfahren gegerbt. „Das macht das Leder zäher“, so Bregan Koenigseker von Brooks.

Sattel stempeln
Stempel mit Geschichte: Nach dem Schneiden werden die künftigen Satteldecken gewässert, wieder getrocknet und dann feucht in die spätere Form gepresst. Dreimal muss jede Lederdecke in die Presse, bevor sie ihr Markenzeichen bekommt: den Stempel mit dem Modellnamen. Die ältesten Stempel gehören zu den Modellen B17 und B18. Für limitierte Sattel-Editionen kommen immer wieder neue hinzu. Der letzte Neuzugang am Stempelbrett ist den Sätteln der Sonderedition zur Eroica-Rennserie vorbehalten.

Gestell & Federn montieren
Cassie bringt Bolzen für die Federbefestigung an: Die blaue Maschine im Vordergrund ist eine der ältesten im Werk. Sie biegt den Stahldraht für eine Feder – es gibt je eine Maschine für rechte und linke Federn. Nur das Verchromen erfolgt außerhalb der Brooks Werkshallen.

Kanten schneiden
Mirak beschneidet die Kanten der Lederdecken für einen Brooks Swift: „Chamfering“ heißt das Beschneiden der Kanten, damit sie am Oberschenkel nicht drücken. Die Arbeit mit einem Spezialmesser verlangt laut Werksmanager Steven Green viel Kraft und gleichzeitig besondere Geschicklichkeit.

Nieten hämmern
Darren hämmert Kupfernieten, an denen das Sattelnasen-Stück in der Satteldecke verankert wird: Besonders edle Modelle sind mit Kupfernieten ausgerüstet. Dafür sind mehr Arbeitsschritte nötig. Insgesamt machen die besonderen Nieten rund zehn Minuten Mehrarbeit aus. Das erklärt einen Großteil des höheren Preises. Für das Rundhämmern braucht der Arbeiter viel Kraft, die Darren offensichtlich besitzt.

Polieren
Kot poliert einen B66-Sattel vor dem Verpacken: Vor der Endkontrolle müssen alle Sättel von den Produktionsspuren befreit werden, vor allem hinterlässt die Handarbeit Fingerabdrücke auf der Satteldecke.

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