Zelten

In der Wüsten-Oase steht kein Luxus-Hotel. Auf dem Karakorum Highway, der höchstgelegen Fernstraße der Welt, wartet nicht alle 20 Kilometer ein Motel. Wer die ganze Schönheit entlegener Orte erleben will, muss zelten.

Wildcampen – auch das geht

Draußen sein Zuhause einrichten, das entfaltet auch in der Natur Europas besondere Reize. Man steht eigentlich schon mit einem Fuß mitten im Outdoor-Abenteuer, wie es neudeutsch heißt, wenn sommers im aufgeheizten Hotel die kühle Brise von draußen hereinweht und einen die Sehnsucht packt, noch mal vor die Tür zu gehen. Wenn man sich auf der Gartenterrasse der Pension nicht vom klaren Sternenhimmel losreißen kann. Und erst recht, wenn man auch einem Regenschauer eine schöne Seite abgewinnen kann.

Es muss ja nicht gleich das (erlaubte) Wildcampen in Skandinavien mit Selbstverpflegung sein. Der Zeltplatz kann auch ein schöner Platz mitten in der Stadt sein, um kurz die Seele baumeln zu lassen – wie etwa das Beispiel Elbecamp zeigt. Das Dach unter freiem Himmel kann aber auch schlicht der einzige Ort sein, den man sich als vielköpfige Familie auf Radtour für eine Übernachtung leisten kann.

Genau zwischen diesen unterschiedlichen Polen bewegt sich auch das Angebot an Zelten, Schlafsäcken und weiterem Zubehör für eine gute Nacht auf Tour. Es gibt für jeden etwas: vom schnell aufbaubaren, günstigen Zelt für die Wochenendtour zu zweit bis zum Großzelt für die Familie auf Extremreise. Es hilft deshalb bei der Kaufentscheidung ungemein, sich genau zu überlegen, wohin es mit den eigenen vier Wänden auf dem Rad gehen soll. Denken sollte man auch daran, dass das gesamte Übernachtungszubehör zum Einsatzbereich passen muss. Ein Himalaya-Expeditionszelt ist als Hülle für einen Drei-Jahreszeiten-Schlafsack rausgeschmissenes Geld.

„Für Familien wie uns sind zwei Zelt-Eingänge und die Querschläfer-Ausführung ein Vorteil. Als Groundsheet nutzen wir einfache Gewebeplane. Wichtig: An den Kanten nach oben falten, sonst wird es nass“, sagt Reisefotograf Klaus Herzmann. Er tourte schon mit seiner Familie mit dem Rad durch Marokko.

Am einfachsten ist noch die Festsetzung der wichtigsten Daten: Wie viele Personen soll das Zelt beherbergen, und wie viel darf es kosten? Ausgereifte Zelte sind ab etwa 200 Euro erhältlich, man kann aber auch ohne Weiteres mehr als 1.000 Euro ausgeben. Wenn das geklärt ist, kann man sich an das Eingemachte heranmachen: die Bauform. Unterschieden wird zwischen den gängigen Typen Kuppelzelt, Geodät und Tunnelzelt. Die Wahl richtet sich hierbei nach den eigenen Anforderungen. Das sind vor allem die Einsatzregion, die Jahreszeiten, in denen die Radreisen stattfinden sollen, und das vorherrschenden Klima – besonders die Tiefsttemperaturen sind dabei zu beachten!

Nicht zuletzt spielen die Bedürfnisse der Radreisenden bezüglich Komfort (Zahl der Eingänge?) und vor allem Platzbedarf fürs Gepäck eine Rolle. Letzterer ist bei Radreisen tendenziell höher als beim Wandern. Es gibt Zelte, die nahezu keinen Raum für Gepäck bieten, andere hingegen lassen sich gleichzeitig als nächtliche Garage für das Fahrrad nutzen.

Viel Raum: Tunnelzelte

Tunnelzelte bieten viel Raum, meistens sind die Apsiden, so nennt man die Vorräume, recht groß. Ebenso ist die Innenhöhe im Verhältnis zur Grundfläche hoch. Der Komfortgewinn wird beim Tunnelzelt allerdings durch das unbedingt erforderliche Abspannen erkauft. Das benötigt eine insgesamt große Fläche, macht den Aufbau tendenziell aufwendiger und nicht zuletzt muss der Boden zum Einbringen der Heringe geeignet sein.

Leicht im Aufbau: Kuppelzelte

Kuppelzelte sind im Punkt Aufbau den Tunnelzelten überlegen: Bei wenig Wind ist eine Sicherung mit Heringen nicht zwingend notwendig, das macht den Aufbau einfach und schnell. Durch ihre Form sind sie auch weniger anfällig für starken Wind, da er eher über das Zelt hinwegweht. Dafür sind Kuppelzelte in der Regel weniger geräumig, sie bieten auch nicht immer eine Apsis.

Besonders windstabil: Geodät

Ein Geodät ist eine Sonderform des Kuppelzeltes. Die Stangen kreuzen sich nicht mittig über dem Zelt, sondern verlaufen seitlicher, oft gibt es auch mehr als zwei Zeltstangen, wodurch das Zelt sehr stabil wird. Dies ist besonders in sehr windigen Gegenden empfehlenswert.

Wenn Sie viel im Sommer unterwegs sind und es auch nachts noch warm ist, reicht eventuell auch ein Einwandzelt, welches sich durch besonders geringes Gewicht auszeichnet. Ebenfalls besonders bei Reisen in heiße Regionen ein echter Vorteil ist eine bestimmte Bauart: Bei manchen Zelten wird das Gestänge am Innenzelt befestigt und das Außenzelt darüber gelegt. Hierbei haben sie die Möglichkeit, auch nur im Innenzelt zu schlafen, wenn die Wetterlage es erlaubt.

Andere Zelte besitzen Schlaufen oder Tunnel in der Außenhaut für das Gestänge und können, je nach Modell, auch als „Tarp“, also als aufgespanntes Dach, dienen. Schließlich gilt es noch die Materialien zu beachten: Billige Zelte haben oft Glasfasergestänge, die zwar etwas leichter, aber auch deutlich weniger stabil sind. Um lange Freude zu haben, greifen sie besser zu Aluminiumgestängen.

Auch der Zeltstoff ist ein Qualitätsmerkmal: Gute Außenzelte weisen eine Wassersäule von mindestens 3.000 Millimeter auf, der Zeltboden sollte wegen des Kontakts zu nassem Unterboden sogar 10.000 Millimeter Wassersäule haben. Ein Vorteil sind sogenannte „Groundsheets“ oder Zeltunterlagen. Einige Hersteller bieten sie direkt passend zu ihren Zelten an, um den Zeltboden vor spitzen Gegenständen zu schützen.

„Wir nutzen ein Kuppelzelt, weil man es schnell überall aufbauen kann. Reparatur-Hülsen für die Stangen und Flicken für die Iso-Matten sind auf Fernreisen ein Muss“, sagt Reiseautor Thorsten Brönner.

Erst, wenn man nach den genannten Kriterien eine Vorentscheidung getroffen hat, sollte eine Frage beantwortet werden, die viele Reisende gerne an den Anfang stellen: die nach dem Gewicht. Verständlich, denn wer bei seinem Fortbewegungsmittel auf die Kilos achtet, will sie nicht beim Gepäck leichtfertig zusetzen. Leider gilt beim Zelt die gleiche Regel wie bei der anderen Outdoor-Ausrüstung:

Je geringer das Gewicht bei gleicher Qualität, desto teurer wird es. Viele Extremreisende raten sogar von Ultraleichtzelten generell ab, weil das leichte Material den rauen Bedingungen über Jahre nicht so gut standhalten kann, wie dichter gewebte, schwerere (Kunst)Stoffe. Ebenfalls wichtig: das Packmaß. Besonders alleine auf Radreise bevorzugt man natürlich kleinere Maße. Wer allerdings meist gemeinsam mit anderen unterwegs ist, kann das Mehrpersonen-Zelt auf mehrere Taschen oder Rucksäcke verteilen. Deshalb ist das Packmaß in der Regel weniger entscheidend als das Gewicht.

Schlafen – nicht schwitzen

Ein guter Schlafsack soll warmhalten, ohne dass man schwitzt. Gleichzeitig soll er noch bequem sein und darf weder zu groß im Packvolumen noch im Gewicht sein. Gar nicht so einfach, das passende Modell zu finden.

Auch hier sollte man sich zunächst Gedanken über Einsatzort, das Klima, hier besonders die zu erwartende Temperatur und die Luftfeuchtigkeit machen. Wer in Mitteleuropa im Hochsommer unterwegs ist, braucht keinen Polarschlafsack, aber dennoch können auch hier die nächtlichen Temperaturen selbst im Sommer dem Gefrierpunkt nahe kommen.

Deshalb gibt fast jeder Hersteller einen Temperaturbereich für den Schlafsack an. Der erste Wert gibt die Temperatur an, bei der eine Frau leicht bekleidet noch nicht friert. Die zweite Temperatur bezieht sich auf einen leicht bekleideten Mann, der noch nicht friert. Die dritte Zahl gibt an, bei welcher Temperatur der Schlafsack eine Frau nicht mehr vor Erfrierungen schützen kann – da es sich um einen Notfallwert handelt, sollte er für die Kaufentscheidung keine Rolle spielen.

Weil zudem das Kälteempfinden individuell sehr verschieden ist, gilt es eher, sich im oberen oder unteren Bereich der Komfortwerte einzustufen. Tipp: Manche Outdoor-Geschäfte verfügen über eine Kältekammer, in der man Schlafsäcke in den anvisierten Temperaturbereichen vergleichen kann. Hier lässt sich auch gleich der Einfluss verschiedener Unterwäsche in der Hülle nachempfinden. Er kann erheblich sein.

„Ein Schlafsack lässt sich mit warmer Funktions-Unterwäsche, etwa aus kuscheliger Merino-Wolle, etwas mehr Richtung Kältetauglichkeit trimmen. Das kann Sinn machen. Man hat bei ähnlicher Wärmeleistung ein vielseitig nutzbares Wäscheset mehr. Ebenfalls ein sehr guter Tipp: Schlafsack-Inlays. Sie schonen das Futter, optimieren das Klima und lassen sich an heißen Tagen auch als Sommerschlafsack nutzen“, sagt RADtouren Chefredakteur Jan Gathmann.

Daune: leicht, aber nässeempfindlich

Beim Material hat man die Wahl zwischen Daunen und Synthetikfasern. Der Vorteil der Daune liegt in ihrer besseren Isolationswirkung: Man braucht weniger Materialgewicht für die gleiche Isolationswirkung wie bei einem Synthetikschlafsack. Der Nachteil des Naturmaterials ist seine Empfindlichkeit bei Nässe – hier haben einige Hersteller im letzten Jahr eine Art imprägnierte Daunenfüllung vorgestellt, die weniger Feuchtigkeit aufnimmt.

Generell saugt eine Daunenfeder Feuchtigkeit auf und verringert dabei ihre Isolationswirkung, sodass es bei niedriger Temperatur und hoher Luftfeuchtigkeit trotzdem kalt werden kann. Unterwegs ist es deshalb besonders wichtig, den Schlafsack immer zu trocknen, bevor man ihn verstaut – was auf Radreisen in regnerischen Gebieten oft nicht möglich ist.

Synthetikfaser: schnelltrocknend, aber voluminös

Bei feuchtem Klima – oder Menschen, die stark schwitzen – sind die Synthetikfasern im Vorteil. Durch ihre Struktur nehmen sie weniger Wasser auf und behalten so ihre Isolationswirkung auch bei hoher Luftfeuchtigkeit. Um allerdings genauso warm zu sein wie ein Daunenschlafsack, benötigt man mehr Material, dadurch steigen bei den meisten Schlafsäcken das Packvolumen und das Gewicht.

Schlafsack muss anliegen

Auch die besten Schlafsäcke wärmen nicht, wenn sie zu groß sind. Darum sollte man die Größe beachten, ebenso die Form. Neben den klassischen Mumien- und Deckenschlafsäcken gibt es noch die sogenannte Eiform. Sie bietet mehr Bewegungsraum im Bereich des Oberkörpers. Am besten ist hier: Probe liegen! Nur so kann man feststellen ob der Schlafsack die richtige Größe hat. Dabei kann man auch gleich einen Blick auf die Ausstattung werfen. Es gibt Innentaschen, um kälteempfindliche Gegenstände nah am Körper zu wärmen, oder auch wasserabweisende Außenmaterialien für diejenigen, die gerne ab und zu auf ein Zelt verzichten.

Wie man sich bettet: die Isomatte

Fehlt nur noch die Outdoor-Matratze, sprich die Isomatte. Selbstaufblasende Modelle sind inzwischen zu Recht Standard. Die Auswahl reicht von sehr dünnen (ca. 2,5 cm) bis zu dicken Matten mit zehn Zentimeter und mehr. Grundsätzlich gilt hier: Je dicker die Matte, umso besser die Isolierung.

Mehr Vergleichbarkeit schafft der R-Wert, auch wenn dieser leider nicht von allen Anbietern angegeben wird. Je größer der R-Wert, umso besser isoliert die Schlafunterlage. Ein R-Wert von 1 entspricht einer Komforttemperatur von 7 °C, ein R-Wert von 4 reicht schon bis minus 1 °C, ist also in Europa meistens ausreichend.

Übrigens: Wenn sie zwei Matten übereinander legen, addieren sich die R-Werte, unter Umständen kann man etwas Gewicht sparen und den knappen Packraum am Rad besser ausnutzen, wenn man zwei leichte statt einer dicken Isomatte benutzt. Wichtiger als Gewicht ist allerdings die Robustheit der Matte, nichts ist ärgerlicher als ein Loch in der Matratze. Gut ist ein grobes Gewebe an der Unterseite, es ist etwas schwerer, bietet aber ausreichend Schutz vor Steinen und anderen spitzen Gegenständen unter dem Zeltboden.

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